Blitz in die Pfanne!

Es ist Sommer 1965 – Hochwasser und Krisenstimmung in Osttirol.

Seit Tagen schüttet es fast ununterbrochen.  Starker Dauerregen lässt Bäche entstehen und hervorbrechen, wo vorher nie ein Bach war.

Ständiges, dumpfes Grollen ist von weitem zu hören und erdig- schlammiger Murengeruch hängt in der Luft. Den Erwachsenen ist ihre Nervosität und Anspannung anzumerken und sie überträgt sich zunehmend auch auf die Kinder im Ort und bei uns im Hause. Bei uns Kindern ist es eine Mischung aus Aufregung und Verunsicherung.  Es liegt etwas Außergewöhnliches und Aufregendes in der Luft und instinktiv spüren wir den Ernst der Lage, befeuert durch sorgenvolle Blicke und Bemerkungen der Älteren.  Fast alle Männer im Dorf und der Gemeinde sind im  Dauer-Katastropheneinsatz. Sie versuchen Dämme zu errichten, ausbrechende Bäche durch gezielte Baumfällungen wieder in ihr längst nicht mehr vorhandenes Bachbett zu lenken oder mit zum Teil untauglichen Mitteln irgendwie zu bändigen.  Das Auflösen und Entschärfen von Verklausungen unter Brücken oder bisher ungefährlichen Stellen ist schon zum Routineeinsatz mit Sisyphus Charakter geworden.

Das Stromnetz bricht immer wieder zusammen, weil irgendwo Leitungen gerissen, der Blitz sie getroffen hat, oder Strommasten umgefallen sind. Es herrscht eine gedrückte Stimmung. Das Rosenkranzgebet wird fleißig als probates Mittel gegen aufkeimende Mut – und- Hoffnungslosigkeit eingesetzt. Man ist dadurch wenigstens etwas abgelenkt. So verbringen wir die Abende im Finstern, oder mit Kerzenlicht als Notbeleuchtung, was alle etwas näher zueinander rücken lässt.

Durch die ständige Anspannung ist uns der Appetit vergangen. Dann endlich wieder ein Abend mit richtigem Licht – nicht selbstverständlich, denn so manches Mal beginnt das endgültige stundenlange „Licht- Aus“ mit einem plötzlich einsetzenden Flackern.

 An einem dieser kostbaren, weil beleuchteten Abende, wirft der über dem Esstisch hängende Lampenschirm in unserer Stube sein Licht auf die riesengroße Pfanne mit „türggischem“ (Polenta) Mus. In der Mitte der Pfanne hat die Mama mit einem Esslöffel einen großen Tumpf gemacht, wo sich heißes Fett sammelt, das langsam von der Seite einrinnt und indem sich jetzt das Licht der Lampe spiegelt. Um den Tumpf herum bis zum Pfannenrand ist alles mit köstlicher Ovomaltine bestreut und ein unwiderstehlicher Duft lässt allen am Tisch versammelten Essern das Wasser im Munde zusammen rinnen. Mit gebotener, andächtiger – aber doch – Eile beginnen wir das Tischgebet. Als wir zu der Stelle mit „ dein Wille geschehe, wie im Himmel- so auch auf Erden, Unser tägliches Brot gib uns heute „ kommen, macht es einen Riesenknall, der Lampenschirm fällt genau in den Tumpf der Pfanne, das Fett spritzt uns entgegen, begleitet vom nachhallenden Donner. So haben alle ihr Fett abbekommen und der Abend ist gegessen. „Mahlzeit“!

 

©Luneviste.at

Wie aus einem Tunnelblick ein „Lichtblick“ wurde

Ein Tag im April 1964

Wir haben ein neues Geschwisterchen bekommen.

Aus medizinischen Gründen musste die Geburt im Krankenhaus in Lienz stattfinden. Tate(Vater) nimmt mich zum Besuch nach Lienz ins Krankenhaus mit.

Wie kommen wir da hin?

Natürlich mit dem Auto. Nein, nicht unserem, denn wir haben ja keines, nicht mal ein Moped. Ich bin furchtbar stolz, dass ich dabei sein kann, beim Besuch.

Noch nie bin ich mit einem Auto gefahren und auch noch nie aus dem Tal rausgekommen, außer als noch ungeborener Beifahrer im Bauch meiner Mama zu meiner eigenen Geburt im selben Krankenhaus.  Aber an dieses erste Tunnelfahrt-Erlebnis kann ich mich nicht mehr erinnern. Ein Bruder meines Vaters, Onkel Siegfried hat einen VW Käfer, mit dem wir fahren werden. Wir fahren los.

Über die steile unasphaltierte Straße von Außeregg  geht es runter zur Stanzbrücke auf die Landesstraße. Mir bleibt der Mund offen, so wie die Landschaft an uns vorüber flitzt. In der Ferne sehe ich, wie ein anfänglich noch kleines schwarzes Loch im Berg vor uns immer näher kommt und die Straße davon verschluckt wird. Je näher wir dem Loch kommen, desto mehr wandelt sich meine dunkle Ahnung, dass wir da durchmüssen, in Panik. Das Loch ist mit Sicherheit viel zu eng für unser Auto. Das passt ja nie und nimmer da rein und so viel ist sicher, wir werden darin stecken bleiben, spätestens mitten im Berg!

Ich sehe das Loch mit rasender Eile unausweichlich auf uns zukommen. Es wird zwar etwas größer, aber es erscheint mir noch immer als viel zu klein, um da auch nur ansatzweise reinzupassen, ganz zu schweigen davon, durch dieses Nadelöhr durch fahren zu können. Außerdem ist es darin mit Sicherheit stockfinster und luftleer. Oh je, das kann nicht gut ausgehen!

Zu meinem Entsetzen fährt mein Onkel scheinbar bedenkenlos geradewegs auf das Loch zu und macht keinerlei Anstalten, die unausweichliche Katastrophe zu verhindern. Schlimmer noch – beide plaudern gemütlich und unbeirrt miteinander und wir bewegen uns quasi „sehenden Auges“ auf das viel zu kleine Loch zu. Andererseits denke und hoffe ich, dass die Beiden ja wissen müssen, was da auf uns zu kommt und endlich entsprechend handeln werden. Die Angst vor der Blamage, meine Verzweiflung zu äußern und zugeben zu müssen, mich zu fürchten, ist einfach zu groß. Also fahre ich lieber mit ihnen zusammen in den Rachen des Berges und wir werden für alle Ewigkeit von ihm verschluckt. „In Gott`s Noom (Namen), wenn`s so sein will“.

Es ist jetzt ohnehin zu spät und so sagt mir mein Überlebenswille: „Kopf runter“! Zuerst wird es sicher das Autodach erwischen. Die Beiden vor mir werden es eh am eigenen Kopf spüren, wenn sie am Autoblech anstoßen und hoffentlich dann endlich stoppen.

So beschließe ich in meiner Verzweiflung, mich dem Schicksal hinzugeben und krieche einfach vom Rücksitz hinunter auf den Boden, kauere mich ganz eng hinter den Fahrersitz, schließe die Augen, halte die Hände schützend über den Kopf und bete inständig, dass es nicht allzu weh tun möge. Und dann ist es auch schon so weit, es gibt kein Zurück.

Ich füge mich dem Unvermeidlichen.

Als erstes wird es stockdunkel. Ich spüre, wie es schnell sehr viel kühler wird. Trotz der geschlossenen Fenster ist es plötzlich unheimlich laut und das Vibrieren des Motors überträgt sich auf meinen Körper. Unter mir rauscht im wahrsten Sinne der Boden an meinem Ohr vorbei. Aber sonst passiert nichts, außer dass die Stimmen der beiden vor mir Sitzenden, zwar etwas leiser, aber immer noch vernehmbar sind. Kein heftiger Stoß war zu spüren, nur die unzähligen Schlaglöcher der schlecht asphaltierten Straße.

Vorsichtig luge ich trotz meiner unbequemen „Sitz-Liegestellung“ zwischen den Sitzen nach vorne und sehe im schwachen Scheinwerferlicht, wie das schwarze Loch immer noch weiter vor uns herläuft. Aber auf wundersamste Weise wird es immer dort, wo wir uns gerade befinden groß genug, sodass wir durchpassen.

Und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, wandelt sich in der Ferne der dunkle in einen winzigen hellen Punkt, der schnell größer wird. Jetzt wird es für mich zur Gewissheit. Wir sind am „Ende des Tunnels“ angelangt und schwupp, es wird hell, vertraut und schlagartig leiser. Ich bin der der Enge des Tunnels entfahren!

So sehe ich erleichtert und großer Freude der Begegnung mit meiner noch unbekannten Schwester entgegen, die ja selber gerade durch ihren Geburtstunnel das Licht der Welt erblickt hat.

 

 

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DER FUNKLOCHJODLER

Ein Sommer auf der Gsaritzen – Alm (Defereggental)                       so um 1963 bis 1967

 

Damals waren unsere Eltern zusammen mit der Familie von Onkel Lois noch gemeinsame Betreiber der Alm auf der Schattseite, mit noch einigen anderen Besitzern.

Jeder von ihnen hat einen ganzen Tschippel (mehrere) Kinder, die meisten noch nicht schulpflichtig. Zur Entlastung für Zuhause werden in der Sommerzeit neben den Rindviechern auch die Kinder der beiden Familien auf die Alm auf der gegenüberliegenden Talseite gebracht, eigentlich eine ideale Umverteilung. So können die Zuhausegebliebenen in Ruhe die Bergmahd in der Luneviste und in der Grube erledigen. Eine der Frauen oder anderen Verwandten ist jeweils eine Woche für das reibungslose Funktionieren des Gewusels abseits der richtigen Zivilisation zuständig.

Fad wird uns nie, ganz im Gegenteil, es herrscht immer ein reges Treiben.

Die Einen sind für die Heumahd verantwortlich. Dieses Futter dient als Vorsorge bei plötzlichem Schneefall oder Dauerschlechtwetter, falls die Viecher mal tageweise im Stall bleiben müssen.

Die Größeren und Kräftigeren von uns werden abwechselnd als Lastenträger zur Sicherstellung der Versorgung mit Nahrungsmitteln und anderen notwendigen Gütern im Pendelverkehr zwischen Alm und Zuhause eingesetzt. Zumindest 1-2mal in der Woche ist man dann für 2 Tage fix mit Arbeit versorgt.

Das bedeutet, mit fertiger Butter, Graukäse oder mit Schmutzwäsche beladener Abstieg ins Tal, auf der anderen Talseite wieder rauf und am nächsten Tag frühmorgens mit Lebensmitteln für Mensch und Vieh bepackt in umgekehrter Richtung retour.

Am „Zoppet“ (steilerGraben) ist das ganz schön zaach und nicht ungefährlich. An manchen Stellen ist es so steil, abschüssig und eng, dass man beim aufwärts gehen mit der Nase fast den Weg berührt. An anderen Stellen wiederum verläuft der Weg ziemlich ausgesetzt oder führt über waghalsige, schneckenglitschige Behelfsbruggerl, zusammengesetzt aus ein paar nebeneinanderliegenden Baumstämmen. Dann wieder knapp am Wasserfall vorbei, wo einem die Gischt ganz kostenfrei eine Gesichts – und wenn man zu lange stehen bleibt – eine Ganzkörperdusche – all inklusive, verpasst. Dafür ist man sogar dankbar, weil es eine willkommene Gratis-Wäsche ist und so die unzähligen Bremsen für kurze Zeit orientierungslos herumschwirren, bevor sie uns wieder als köstliche Blutsaugstellen ausmachen und gnadenlos malträtieren. Manchmal retten wir uns nur dadurch, einfach unter dem Blätterdach der riesigen Huflattiche durch zu schlängeln, oder wir bedecken unsere Köpfe mit deren abgerissenen Blättern. Von oben ähnelt das fast einem tropischen Dschungelpfad mit im Gänsemarsch wandelnden, vietnamesischen Hüten.

Einmal kamen wir beim abendlichen Abstieg zu einem Graben, wo kurz vorher eine Nassschneelawine den schmalen Pfad weggeputzt hatte. Dabei blieb mir der Umweg in den Graben nicht erspart, weil ich mich weigerte, mich wie die anderen Kinder von Tatn und Onkel, die sich beiderseits des Grabens aufstellten, rüberschupfen zu lassen. Den längeren Umweg, die Ungeduld und Schmach angesichts meiner Feigheit zog ich dann doch lieber dem Risiko der luftigen Abkürzung vor. Wie halt im späteren Leben auch – ich mache es lieber selber und umständlich.

Zurück auf der Alm

Wer will – oder auch weniger, darf mit zum Zwoschpan (Heidelbeeren) oder Grantn (Preiselbeeren) klauben. Allerdings wird diesmal nichts daraus. Angesichts des vor uns liegendem beinahe ins Nichts führenden und leicht abschüssigen Heidelbeer- Grantn- und Almrausch -Teppiches sind wir nicht mehr zu halten, lassen unsere Verantwortungsträgerin im Stich und geben uns ganz dem (Alm)Rausch hin, nur um minutenlang auf dem lederhosengeschützten Allerwertesten durch den zu beklaubenden Flecken eine Schneiße der besonderen Erntetechnik zu ziehen. Nach heutiger Ausdrucksweise passt dafür wirklich am allerbesten: „das Aller-Aller – Voll – Geilste“.

Jedenfalls gab es in diesem Abschnitt nachher nichts mehr zu klauben. Unsere Lederhosen, Kittel und Strumpfhosen haben dabei eine komplett andere, nämlich eindeutig anlassbezogene Farbe angenommen. Der Riesenspass und die Gaudi dabei, war es aber allemal wert, auch wenn wir nachher den Preis dafür abarbeiten mussten und selbstverständlich der Zwoschpaschmorrn zu Mittag und Abend der Rutschpartie zum Opfer gefallen war.

An manchen Abenden war Geistergeschichten – Erzählen angesagt. Das konnte sie – unsere Sennerin.

Und wie!! „Schneiders Moidl“ (Maria) genoss es, wenn manche fantasiebeflügelten Schlafzimmerkandidaten trotz offensichtlichem Augenaufspreizbedarfes sich nicht mehr alleine auf den Dachboden oder ins Schlafzimmer, geschweige denn, in den etwas von der Hütte entfernten Heuschuppen traute.

Die Geschichten entfalteten in dieser speziellen Situation – weit von Zuhause – ihre Wirkung in verschiedensten Varianten.

Einige Rotzpippn unter uns kamen auf die Idee, in weiße Bettlaken gehüllt bei Vollmond im Gänsemarsch sich der Hütte zu nähern. Auf dem Weg, der über die frisch geheuigte, kahle Wiese zur Hütte führt, sah das wirklich sehr echt, ja fast überirdisch aus. Ich verstand jetzt nur zu gut, was landläufig mit „voller Hose“ gemeint ist und gestehe, dass bei mir nicht mehr viel dazu gefehlt hat. Wen wundert`s, wenn man da als Erklärungsversuch Geister-und –Spukhaftes bemüht.

Das Schlafzimmer mit den Stockbetten liegt direkt über dem Stall. In einer Ecke befindet sich ein quadratisches Loch mit 20x20cm im Fußboden, das mit einem Deckel verschließbar ist. Sinn dieser Einrichtung ist, bei Bedarf zur schnelleren Beheizung, die aufsteigende Abwärme der Kühe unter dem Schlafzimmer möglichst effizient zu nutzen. Natürlich bekommt man dabei sämtliche verdauungsbedingte Dämpfe, Gerüche und Geräusche „frei Haus“ mitgeliefert. Möglicherweise wirkt diese Kombination in unserem Hirn als Traumfabrik. Bei mir scheint es jedenfalls gewissermaßen als Langzeiteffekt in diese Richtung gewirkt zu haben, sonst könnte ich diese Geschichte nicht so schreiben.

Es gab damals natürlich kaum Telefon, geschweige denn Funkverbindung. Schon gar nicht auf eine Alm, wie der unseren, die noch dazu in einem toten Winkel, also einem sogenannten Funkloch liegt. Es gab aber immerhin das umständliche Zettelschreiben, oder wir mussten den Beschaffungsbedarf auswendig lernen, was natürlich sehr Fehleranfällig durch schlichtes Vergessen war. So finde ich es einfach genial, wie unsere Mame damals auf die uralte Verständigungsmethode des Jodelns zurückgriff.

„Wie das funktioniert“? 

Nun – natürlich braucht es dazu wie bei jeder heutigen Fernverbindung, auch bei dieser Methode bestimmte Bedingungen:

1. Muss abends, wenn es dunkel wird, auf beiden Seiten des Tales Stille eingekehrt sein.

2. Wie in unserem Falle topologisch bedingt, muss die Alm wie in einem Trichter liegen.

3. Sollte (idealer Weise) Sichtkontakt bestehen, was sogar eine zusätzliche Funktionserweiterung erlaubt, nämlich ein großes weißes Bettlaken, für das sogenannte Anklingeln und Abmelden, nur halt auf “lautlos“ geschaltet.

4. Braucht es zwei gut aufeinander eingespielte Personen mit profunder Kenntnis der vorher festgelegten Bedeutungen der Jodelfolgen bzw. Kombinationen.

100% tig und wunderbar hat es funktioniert, wenn zwei 100%tler, also meine Großmutter „die Prozentnune“ (vulgo) auf der einen Talseite in Oberholz und eine ihrer beiden Töchter, also unsere Mame oder ihre Schwester auf der anderen Talseite etwas entfernt von der Hütte auf der Alm standen und miteinander jodelten. Auf diese Weise „überjodelten“ sie das sogenannte Funkloch und erhielt deshalb die Bezeichnung „Funklochjodler“.

 

 

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Die Generalprobe

anno 1967

Die Vorbereitung auf die Erstkommunion läuft schon auf allen Ebenen auf Hochtouren und so nähert sich in Riesenschritten der erste  große (selbst)bewusste  gesellschaftliche Auftritt.  Zur Freude aller, so soll es ja (gewollt) sein, löst der religiöse Hauptzweck, der mit dem Fest verbunden ist, doch einen nicht zu unterschätzenden ökonomischen Zusatzsegen für die lokale Wirtschaft aus. Gasthäuser, Schlachter, Schneider, Frisöre und viele andere profitieren von dem jährlich wiederkehrenden Ereignis.

Die Bedeutung des Anlasses wird mir so richtig bewusst, als mich die Mame schon Wochen vorher zum Maßnehmen für den Anzug zum Schneider in unserem Dorf mitnimmt, denn schließlich muss es doch ein dem Anlass angemessener Anzug sein. Geduldig und etwas gschamig schaue ich dem Scheider zu, wie er in seiner mir fremden Handwerksstube, das Maßband lässig fuchtelnd, an mir herum zu hantieren beginnt. Gschamig deswegen, weil ich noch nie in der Situation war, nur in Unterhose und  Leiberl bekleidet, auf mir unbekanntem Terrain von einem Fremden begutachtet zu werden, allerdings unter mütterlicher Aufsicht. Nein, einmal war es doch schon ähnlich vorgekommen. Nämlich bei der ärztlichen Schuluntersuchung, wo es aber nur ums Anschauen, Reinschauen und Abklopfen aller möglichen Körperteile und Öffnungen ging.

 Staunend und etwas ungläubig beobachtete ich, was da alles zu vermessen und wichtig war, um dem Begriff Maßanzug gerecht zu werden. Immerhin hatte mich noch nie jemand so umfassend und genau Handvermessen. Hals, Arm, Brust, Taille, Oberschenkel, Waden, also sämtliche dem vorpubertären Alter entsprechenden Ausbuchtungen sowie relevanten Umfänge und diverse Längen wurden vermessen und in einem Heft, wo der Körper schematisch im idealen Goldenen Schnitt dargestellt war, eingetragen. Zu meiner Erleichterung spielte dabei der Bizeps-Umfang keine tragende Rolle. Wie weit ich diesem theoretischen Ideal entsprach, habe ich nie erfahren. Bei den Schuhen lief es zumindest am Zeitaufwand gemessen weniger aufwendig ab, und so passte dann bei dem Fest alles wie angegossen. So fühlte ich mich dann dabei auch, nämlich wie aus einem Guss.

 Zugleich war es auch ein erhebendes Gefühl, allein durch „angemessene“ Kleidung etwas Besonderes zu sein. Man konnte also sehr wohl allein durch äußeres Zutun aus jemandem etwas machen. So erfuhr ich zum ersten Mal leibhaftig die Bedeutung des Spruches: “Kleider machen Leute“.

Neben der äußerlichen, also der weltlichen, lief selbstverständlich parallel dazu die innere, seelisch- religiöse Vorbereitung und Einstimmung. Wegen des starken Jahrganges, oder war es doch unserer mangelnden Aufmerksamkeit geschuldet, musste der Pfarrer im Stundentausch mit dem Lehrer einige Sonderstunden einfügen, um einen halbwegs berechenbaren und vor allem würdigen Ablauf des Festes sicherstellen zu können.

Inzwischen konnte ich die 10 Gebote auswendig aufsagen, vor und rückwärts, ohne hängen zu bleiben. Von weit größerer Bedeutung waren allerdings die sieben Hauptsünden. Deren Relevanz und Wichtigkeit waren in erster Linie durch ihre Fettschrift bestimmt und erkennbar. Sie waren vor allem als Richtschnur für die Beichte unverzichtbar, falls man den Faden verlieren sollte. Bei einigen „schweren Sünden“ konnte ich, bei aller Unreife, doch schon einen persönlichen Bezug herstellen. Dieser Bezug hat sich in meinem Leben bis heute nicht wesentlich verändert. Daran lässt sich ihre Tragweite, weit über das irdische Jammertal hinaus, bis in alle Ewigkeit wirkend, erahnen. Gott sei Dank sind aber doch einige Sicherheitsstufen, oder sagen wir Warteschleifen, beziehungsweise Reuezonen eingezogen, zwischen Himmel und ewiger Verdammnis.

Eine ideale, weil lebensnah anwendbare Variante dieser Korrekturchance, ist die Beichte.  Bald erkannte ich, worin der unschätzbare Vorteil der Beichte besteht.  Zum einen darin, dass sie schon zu Lebzeiten, als Erste Hilfe Maßnahme, sozusagen im „do it your self“ Verfahren anwendbar, und nicht minder wesentlich, beliebig oft anwendbar ist.

Wie alles im Leben, hat auch dieser gottgegebene Befreiungsschlag seinen Preis.

Der Preis ist mit einer Art Tarifsystem geregelt, indem sowohl Qualität als auch Anzahl der Sünden berücksichtigt sind. Dadurch konnte man immer wieder bei null beginnen und sogar (dieselben) Sünden wiederholen.

Der Tarif war gestaffelt. Bei leichteren Vergehen mit „Gegrüßt seist du Maria“, oder „Vater Unser“ in 5er Schritten bemessen. In schwereren Fällen musste man sich auf Rosenkranz-Dimensionen einstellen. Später erfuhr ich, dass es im Mittelalter sogar möglich war, mit Geld einen Ausgleich zu erreichen, bis hin zum Vorverkauf, also einer Art Reservierung eines sicheren (Listen)Platzes im Himmel.

Angesichts meiner damaligen und heutigen finanziellen Möglichkeiten wäre diese Variante aber ohnehin nie in Betracht gekommen. So blieb letztlich die glaubensabhängige, dafür aber befreiende und tröstende Gewissheit übrig, im äußersten Notfall wenigstens auf die Gnade Gottes hoffen zu können, zwar ohne Garantie, aber immerhin …., „ Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Am Nachmittag – 2 Tage vor dem großen Tag:

 Wir erhalten letzte Anweisungen und Ratschläge für die echte Beichte am Originalschauplatz in der Kirche, in der Sitzbank direkt neben dem Beichtstuhl. Angesichts der unmittelbar bevorstehenden Beichte, ist doch bei allen die Anspannung deutlich spürbar.

Noch einmal stellt uns der Pfarrer auf die Probe, wie weit wir als angehende Christen und „Kommun(ion)isten“ in unserer Opferbereitschaft zu gehen, bereit wären. Seine hoffentlich rhetorische Frage trifft uns alle wie ein Schlag in die Magengrube: „Wer von euch ist bereit, seinen Erstkommunionanzug oder wenigstens Teile davon, nach dem Beispiel des heiligen Martin an arme Kinder in Afrika zu verschenken oder zu verteilen?“

 Stille …… absolut nichts war zu hören…… kein Laut. Nur hin und wieder hallte das Knarren der Sitzbänke von den Wänden wider. Bewegungslos und erstarrt sitzen alle da. Keiner macht auch nur einen Muckser, ganz wie beim Mikado Spiel: „Wer sich als Erster rührt, hat (seinen Anzug) schon verloren“. Jeder hofft, dass „dieser Kelch an ihm vorüber gehen möge“, er nicht gefragt würde und meidet möglichst den direkten Blickkontakt mit dem Pfarrer.

 „Gott sei`s gedankt!“ Es war „nur“ als rhetorische Frage in (an) „den Raum“ gefragt.

 Ich bin mir sicher, ich hätte diese Prüfung nicht bestanden und war wirklich erleichtert, dass es nur „eine Generalprobe“ war. Durch die intensive Vorbereitung auf die Erstkommunion, die auch das Bibellesen beinhaltete, fiel mir sofort die Geschichte mit der unmenschlichen Prüfung Abrahams durch Gott ein, in der er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opfern sollte, wo es auch ziemlich (arsch) knapp herging.

Nach dieser letzten Prüfung begab sich der Pfarrer in den Beichtstuhl und nacheinander verschwand jeweils einer von uns abwechselnd links oder rechts von der Mitteltür, hinter der der Pfarrer saß. Aus dem Geflüster, das aus dem Beichtstuhl drang, erriet man in etwa die Laster des Vorgängers und hatte damit eine ungefähre Richtschnur über das tatsächliche Themenspektrum und den Umfang der eigenen Beichte. Soweit ich es mit bekam, lagen wir thematisch ziemlich nahe zusammen.

Während wir so da saßen und auf unseren Auf – (ein) tritt warteten und die Anspannung durch die vorangegangene Prüfung allmählich nachließ spürte ich, wie sich in meinem Gedärm eine Luftblase unaufhaltsam in Richtung Ausgang bewegte und den Weg als warme Luft nach außen suchte.    Leider! nahm die Luftblase – wenigstens Ausnahmsweise – nicht den Weg nach oben, sondern den von der Natur vorgesehenen kürzesten Weg. Ich versuchte noch mit aller Macht das Ärgste zu verhindern oder zumindest auf „Lautlos“ zu schalten, um so die warme Luft möglichst schonend und unauffällig abzusetzen. Aber es war zu spät, der Rettungsversuch misslang gründlich und „ging (sprichwörtlich und laut) in die Hose“.

Jedenfalls war es nach dieser überfallsartigen Erleichterung für uns alle nicht einfach, den gebührenden Ernst und die angemessene Würde zu wahren. Ich nahm dann auch gleich die Beichte als Chance der Abbitte wahr, indem ich die noch in der Luft hängende Sünde möglichst unauffällig in die Beichte einbaute.

Zu meiner Ehre: Ich wusste schon damals, dass dieser „Ausrutscher“ sicher nicht in die Kategorie der schweren Sünden fiel. Er ist mir einfach ausgekommen.

Aber wie heißt es doch so treffend und sinngemäß: „Je mehr die Generalprobe in die Hosen geht, desto besser wird die Premiere“. Und so kam es dann auch. Es war eine wirklich schöne und würdige Erstkommunionfeier.

„Gott sei Lob und Dank“!

 

 

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Kinobesuch mit meinen Eltern

Ungefähr 1962 bis 64 – abends – ohne Jahreszeitgefühl – irgendwie aber schon etwas kühler.

Kinosaal in St. Veit/Defereggental (unter der Volkschulklasse)

Wir stehen in der Warteschlange vor dem schon mit Menschen vollgestopften Saal.  Ein Menschengewusel, verrauchte und dicke Luft – irgendwie bedrohlich eng. Ich fühle mich sicher auf Tatn`s Schultern sitzend, von oben draufschauend und doch mittendrinnen Die Mame steht ja zur Sicherheit auch in greifbarer Nähe daneben. Nur den Kopf muss ich einziehen, weil der Raum so niedrig ist und die Türstöcke noch mehr.

Auf der linken Seite vor dem Eingang zum Saal sehe ich durch eine offene Tür in ein Kammerl. Dort hantiert ein Mann an einer großen, faszinierenden Maschine mit einer Unzahl an kleinen Rädern und zwei riesengroßen Spulen herum. Ein langes Band rattert über unzählige Räder und zieht vor einem langen Rohr vorbei.  Aus dem Rohr tritt ein bewegter Lichtstrahl und verschwindet in einem kleinen quadratischen Loch in der Wand, unmittelbar vor dem Rohrende. Vor dem Mann im Kammerl steht auf einem kleinen Pult eine Handkasse mit diversen Münzen. Dahinein gibt er ständig Münzen, um gleich darauf mehrere etwas kleinere wieder heraus zu nehmen. Diese händigt er den vor ihm vorbeiziehenden Menschen zusammen mit kurzen gelben Papierstreifen aus, die er ständig von einer schmalen gelben Papierrolle herunterreißt.

Auf der anderen Seite der Wand mit dem quadratischen Loch, also der Rückseite des Saales kommt der zuvor dort verschwundene Lichtstrahl wieder heraus. Zuerst ist es ein schmaler, dann immer breiter werdender, pulsierender Strahl, der sich irrlichternd in rasch ändernden Formen über die Köpfe der Kinobesucher hinwegbewegt. Eigentlich scheint der Strahl ein dichtes Gemisch aus Nebel, Staub und Rauch zu sein, was dem Ganzen eine unheimliche, futuristische Aura verleiht. Wie von Zauberhand  erzeugt dieser Strahl aus reflektierenden Staubpartikeln, Gewandfuseln, menschlichen Ausdünstungen und zufällig oder absichtlich in den Strahl hineinragenden Köpfen, auf der gegenüberliegenden Wand vor den Zuschauern ein ganz besonderes Gemenge aus Filmgeschichte und Realität, die sich auf diese Weise unvergesslich eingeprägt hat.

Als wir den Saal betreten (wollen). Die Karten in der einen, mit der anderen Hand mein Bein haltend, dreht sich Tate auf die Tür zu, zieht den Kopf ein und Beng – es tut weh. Nicht ihm, sondern mir. Es blieb keine Zeit zum Jammern und ich tat so, als ob es eh nicht weh täte. Was war passiert?

Ganz einfach: Tate hat mich beim Durchschreiten nicht richtig miteinkalkuliert.

Es war zwar keine absichtliche, aber trotzdem eine ganz physisch-reale Lehreinheit dafür, was „mit dem Kopf gegen die Wand rennen“, gemeint ist.

Zumindest mit dem Filmtitel konnte ich mich danach ganz gut identifizieren.

Er lautete: „Das tapfere Schneiderlein“.

 

 ©Luneviste.at

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